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Eringer – Königinnen der Alpen
Dominik Konrad & Matthias Risch
10. Apr. 2025
Noch liegt Schnee auf den Alpweiden auf Guschg, doch bald schon gehören sie - mit Ausnahme der Wildtiere - wieder ganz unseren Rinder und Kühen, darunter auch Eringer. Die Eringer, bekannt für ihre Kampfeslust, dem eindrücklichen Erscheinungsbild mit schwarzem Fell und gewaltig ausgebildeten Hornpartien. Doch diese Kuhrasse hat weitaus mehr zu bieten als oft angenommen.

Ihre Herkunft

Auf der Alp Guschg werden bereits seit einigen Jahren Eringer gesömmert. Der Hintergrund ist eine Zusammenarbeit mit den Ostschweizer Freunden der Eringer-Rasse, welche einen geeigneten Sömmerungsort für die Tiere in der Ostschweiz suchten. Die Alp Guschg, mit ihrem erfahrenen Alppersonal erklärte sich, auch aufgrund sinkender Tierzahlen, bereit, einige Tiere aufzunehmen. Das ist nun bald ein Jahrzehnt her. Die Eringer-Rasse ist eine mehrere hundert Jahre alte Rinder-Rasse, welche seit langem im Kanton Wallis beheimatet ist. Ihr Hauptverbreitungsgebiet liegt nach wie vor in den östlichen Bezirken des Unter- und Mittelwallis. Schweizweit gibt es nur rund 10’000 Tiere, welche dieser Rasse angehören. Sie ist eine typische Schweizer Zweinutzungsrasse, wurde also sowohl für die Produktion von Fleisch als auch auf die Milch gezüchtet.

Ihre Kampfeslust

Eine besondere Eigenschaft der Rasse, welche heute bei der Zucht immer bedeutsamer wird, ist die bereits genannte Kampflust. Diese entspringt dem Temperament der Tiere und ihrem Drang zu einer festgelegten Rangordnung innerhalb der Herde. Die teilweise kämpferischen Auseinandersetzungen, welche bei einem Aufeinandertreffen von sich unbekannten Tieren stattfinden, widerspiegeln das natürliche Dominanzverhalten der Tiere. Jeden Frühling, wenn die Tiere aus unterschiedlichen Ställen auf ihre neue gemeinsame Weide gelassen werden, machen die Tiere die Rangordnung für den kommenden Sommer aus.  In welcher Ausprägung dies geschieht ist Kuh-Individuell. Fakt ist, das stärkste Tier wird den Sommer über die Leitkuh der Herde sein und daran halten sich alle Tiere der Herde.

Die im Wallis stattfindenden Ringkuhkämpfe sind eine Erfindung, welche um 1920 entstanden ist. Dabei treten die nach Alter und Gewicht kategorisierten Tiere in mehreren Runden in Paaren gegeneinander an, ehe von der Jury die Gewinnerin, die sogenannte „Königin“ bestimmt wird. Diese Art der Kuhkämpfe unterscheiden sich grundlegend von den natürlichen und von den Kühen selbst induzierten Rangkämpfen, welche sich auch auf Guschg zutragen und dürfen auf keinen Fall miteinander gleichgesetzt werden. Auf Guschg haben und werden nie solche Kuhkämpfe stattfinden, wir praktizieren lediglich einen ersten Weidegang bei dem Auseinandersetzungen eben auch dazugehören und ugs. oft auch «Kämpfe/Stechen» genannt werden.


Abbildung 1: Die Eringer-Kühe werden auch auf Guschg gezeichnet, so können die Älpler und Eigentümer sie besser unterscheiden. (Foto: Julian Konrad)


Der ausgeprägte Herdentrieb der Rasse, welcher zwar zu Beginn des Sommers einen gewissen Mehraufwand bedeutet, ist ebenso der Grund, weshalb der Aufwand für den Rest des Sommers deutlich geringer ausfällt. Für die Alp Guschg ist die Eringer-Kuh mittlerweile schon gewissermassen zum Alleinstellungsmerkmal geworden und wer die Herde von schwarzen Kühen rund ums Sass-Förkle bis hinauf zum Schönberg einmal Mitte Sommer erblickt hat, der konnte sich davon überzeugen, dass eine Eringer Kuh auch eine äusserst ruhige Seite hat.

Ihr Naturtalent

Die Farbgebung der Eringer-Rasse kann übrigens aufgrund der breiten Selektion auf dieses Merkmal sehr stark variieren. Während es vor der Rassentrennung der Eringer und der Evoléner im Wallis auch Tiere mit weissen Flecken gegeben hat, so sind die heutigen Farbvarianten klassisch Dunkelschwarz, Kastanienbraun oder auch Backsteinrot. Häufig sind es auch Jungtiere, welche mit dem Alter zusehends dunkleres Fell bekommen. Was jedoch alle Tiere gemeinsam haben, ist ihr starkes Horn und ihre Berggängigkeit. Eringer sind sehr stämmig, haben jedoch einen leichten Knochenbau und besitzen kurze Gliedmassen mit grossen, schwarzen, harten Klauen. Dadurch besitzen sie die Fähigkeit, sich auch in steilem Gelände leicht fortzubewegen und sind somit optimal an das Gebirge angepasst.



Dies wiederum hat zur Folge, dass die Tiere alle Teile einer Weide gleichmässig aufsuchen, von den offenen bis zu den am stärksten verbuschten. Dadurch wird die Weide gleichmässiger abgefressen, die Vegetation deutlich geschont und es entstehen weniger Schäden an den Grasnarben durch Standflächen und häufig benutzte Trampelpfade.

Die Eringer-Kuh ist bezüglich ihrer Nahrung nicht wählerisch – sie ist eine ausgezeichnete Raufutterverwerterin und frisst auch jene Pflanzen gerne, welche nicht am nahrhaftesten sind. Die Eringer auf Guschg werden nicht gemolken. Das heisst nicht, dass sie keine Milch geben würden, sie sind schlichtweg „galt“ gestellt und müssen folglich auch weniger Energie zu sich nehmen. Das wiederum führt dazu, dass sie auch gerne junge Blätter und Triebe der Grünerle und anderer Stauden fressen. Damit können sie, bei einer genügenden Weideintensität, deren Ausbreitung gar unterdrücken. Zudem schädigen sie mit ihrem Imponier-Gehabe bei den Rangkämpfen oft Legföhren und andere Gehölze, da sie ihre Hörner daran reiben und arbeiten dadurch aktiv bei der Weidepflege mit – sie sind also gewissermassen auch unsere Landschaftsgärtnerinnen.

INFO: Interessierte, welche unseren Eringer-Kühen bei ihrem ersten Weidegang zuschauen möchten, halten wir auf unserer Homepage und auf Facebook auf dem Laufenden. Voraussichtlich erster Weidegang: Mitte Juni.