Der Schein trügt
Wenn wir an die Liechtensteiner Alpen denken, haben wir ein Bild von strukturreichen Landschaften mit Weiden, Enzian und Edelweiss, Legföhrenbeständen und fichtengeprägten Wäldern vor Augen. Wer von Sass aus über die Drei Kapuziner Richtung Schönberg wandert, hat leicht den Eindruck, dass hier die Natur noch nach ihren eigenen Regeln funktioniert.
Doch dieser Eindruck täuscht. Die Alpen, wie wir sie heute kennen, sind kein rein natürliches Konstrukt, sondern ein Ökosystem, das stark vom Menschen und der Alpwirtschaft geprägt wurde. Seit Jahrhunderten nutzen wir die Alpen zur Sömmerung von Vieh und form(t)en damit massgeblich die Landschaft. Diese extensive Nutzung führte zu einer enormen Strukturvielfalt, welche ohne sie verloren ginge: Die Alpweiden würden verbuschen und sich zu fichtengeprägten Wäldern entwickeln. Die Alpwirtschaft hält die Weiden offen und erhält dadurch ein Ökosystem, das nicht nur den Landwirten und Alpgenossenschaften zugutekommt, sondern auch zahlreichen Tier- und Pflanzenarten.

Abbildung 1: Der Blick vom Gebiet Oksatola in Richtung Rossboda und Muetertola zeigt die strukturreiche Landschaft. im Hintergrund die Berge Stachlerkopf und Drei Kapuziner und der Grat hoch zum Schönberg.
Zwischen Äsung und Rückzugsraum
In den Liechtensteiner Alpen finden verschiedene Schalenwildarten ihren Lebensraum. Der König der Wälder, der Rothirsch, nutzt die Alpwiesen als Äsungsflächen. Für Ruhephasen oder zum Wiederkäuen zieht er sich in die angrenzenden Legföhrenbestände oder in den Wald zurück. Gleiches macht auch das Gamswild, welches dieses Habitat mit dem Rotwild teilt und die Äsungsflächen mit angrenzendem Rückzugsraum ebenfalls schätzt. Unterhalb des Schönberg lassen sich häufig einzelne Gämse oder kleine Rudel beobachten und wer im Herbst während der Brunft im Valorschtal unterwegs ist, kann die imposanten Brunftrufe der Hirsche hören.
Auch die Kleinen profitieren
Wie die grossen Säugetiere, profitieren auch die Kleinen von den Alpweiden. Der wohl bekannteste Kleinsäuger ist das Alpenmurmeltier. Offene Weiden bieten ideale Bedingungen für den Bau ihrer Bauten, reichhaltige Nahrung aus Gräsern, Kräutern und Blüten sowie die Möglichkeit, Feinde wie Greifvögel frühzeitig zu erkennen. Murmeltiere sind auf die offenen Flächen angewiesen, im Wald und Dickicht fühlen sie sich nicht wohl. Strukturreiche und sonnige Lebensräume nutzen außerdem verschiedene Reptilien wie die Bergeidechse oder die Kreuzotter. Auch sie schätzen die steindruchsetzten Alpweiden und Zwergstrauchvegetation, da sie dort ausreichend Nahrung und zahlreiche Versteck Möglichkeiten und warme Sonnenplätze finden
Abbildungen 2-4: Typische Bewohner und Nutzer von Alpflächen: Murmeltier und Gämse und Birkwild.
Bühne der Birkhahnbalz
Nicht nur Säuger und Reptilien, sondern auch Vögel fühlen sich hier wohl. Im Frühling kann man in den Alpen ein Naturspektakel der Extraklasse beobachten: die Birkhahnbalz. Die offenen Alpweiden dienen dem männlichen Birkwild als grosse Bühne. Das Birkhuhn schätzt die Strukturelle Vielfalt der Alpweiden und lebt an den Übergangszonen von Wald und Weide. Überall dort, wo Wald und Weide streng getrennt wird, verschwindet das Birkhuhn. Genauso ist das aber auch dort Fall, wo Flächen völlig verbuschen. Die Pflege und der Erhalt der Flächen ist daher sehr wichtig für sie.
Hotspot der Artenvielfalt
Ein Grossteil der Weiden auf Guschg gehören zum Trockenwiesen & -weiden Inventar des Fürstentums Liechtenstein. Mit 12ha gehört die Fläche von der Guschgerhötta hinunter ins Sautobel gar zu den grössten Magerweiden des Landes. Diese Flächen sind oft gekennzeichnet durch eine besonders hohe botanische Artenvielfalt. Im Frühling wenn der Schnee weicht, beginnt auch die Flora wieder zu wachsen und Enzian, Mehlprimel, Arnika und Alpenaster erstrahlen in voller Farbenpracht. Dort wo der Schnee am längsten bleibt, spriessen im Mai die Alpenglöckchen «Soldanella». Sie verwandeln die Weiden auf Obersass gemeinsam mit Krokus und Schlüsselblumen in ein gelb-violettes Blütenmeer.
Wo Pflanzen sind, da sind auch Insekten. Wildbienen, Schmetterlinge, Fliegen oder Käfer sind oft auf wenige Arten spezialisiert. Eine grosse Pflanzenvielfalt sorgt also dafür, dass alle genügend Nahrung und Nektar finden. Auch sie sind somit indirekt auf die offenen und sonnigen Flächen angewiesen.
Abbildungen 5-7: Typische Alpenflora: Enzian, Wiesenraute und farbenprächtige Soldanella.
Erhaltung durch Bewirtschaftung
Ein Spaziergang in den Alpen zeigt somit eindrücklich: Das Ökosystem Alpweide wird nicht nur von der Alpwirtschaft genutzt, sondern ist die Heimat einer Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten. Dien Alpgenossenschaft Guschg arbeitet daher mit Unterstützung der Gemeinde Schaan und des Landes kontinuierlich daran, ein Einwachsen der Alpflächen zu verhindern. So wurden beispielsweise im Bereich Nachtsäss Holzschläge durchgeführt, die nicht nur die Alpwirtschaft, sondern auch den Lebensraum des Birkwildes fördern. Im Bereich Jodagreber/Kessiboda sollen Holzschläge die Alpweiden offenhalten und für genügend Licht sorgen.
Abbildungen 8-10: Fronarbeiten zur Erhaltung offener Weideflächen auf Guschg und im Valorsch.
Gemeinsamer Einsatz
Jährlich werden im Rahmen der Fronarbeit durch Genossenschaftsmitglieder, Schaaner Vereine und Ferialjobber junge Fichten auf den Weiden entfernt und Legföhren zurückgeschnitten. Diese Massnahmen entfalten jedoch nur Wirkung, wenn die Beweidung auf dem bisherigen Niveau aufrechterhalten werden kann – auf die Herausforderungen der Bestossung wurde bereits im Blog-Beitrag zur Mutterkuhhaltung eingegangen.
Auf Guschg schaffen und erhalten wir Lebensräume nicht nur für das Vieh, sondern für alle Profiteure der Alpweiden. Der langfristige Erhalt dieses wertvollen Ökosystems gelingt jedoch nur durch gemeinsames Handeln und die Zusammenarbeit aller Beteiligten.
Unser Dank gilt daher allen Personen und Institutionen, die uns bei dieser wichtigen Arbeit
unterstützen. A herzlichs Vergellts Gott!










