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Stein auf Stein – Trockenmauern und die Biodiversität
Dominik Konrad & Matthias Risch
11. Sep. 2025
Wer oft im liechtensteinischen Alpengebiet unterwegs ist, kennt die Steinmauern oder die spärlichen Reste dieser, welche sich teilweise noch auf den Alpweiden oder Mähwiesen befinden. Doch wieso wurden diese Steine zu Mauern aufgerichtet, welchen Nutzen hatten und haben diese Mauern und wer profitiert davon?

Jahrhunderte alt

Die wenigen vorhandenen Bilder zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigen eindrücklich die Trockensteinmauern im Malbun und Steg. Die mächtigste war eine kilometerlange Steinmauer vom Alpenhotel hoch zum Täli, welche das Malbun in zwei Hälften, eine Vaduzer und eine «Bärger» teilte. Wann genau diese Mauern entstanden sind ist unklar. Eines steht fest: sie sind Jahrhunderte alt. Bis heute sind im liechtensteinischen Alpengebiet solche Steinmauern erhalten geblieben. Von der eben genannten Malbuner Mauer stehen noch einige voneinander getrennte Mauerreste. Im Eigentum der Alpgenossenschaft Guschg befinden sich zwei weitere dieser historischen Mauern: die Grenzmauer zwischen Vorder- & Mittlervalorsch (Grenze Alpgenossenschaft Guschg und Alpgenossenschaft Gritsch) sowie die Grenzmauer zwischen Stachler und Schneeflocht (Grenze Alpgenossenschaft Guschg und Alpgenossenschaft Vaduz).


Abbildungen 1: Malbun mit Alpenhotel und daran vorbeilaufender Trockenmauer. Im Hintergrund erkennt man den weiteren Verlauf der Grenzmauer, welche beinahe das ganze Tal umschloss.


Die Mauer als Grenze

Für die Erstellung dieser Mauern wurden früher zahlreiche Steine von den umliegenden Weideflächen gesammelt und lose ohne Mörtel oder dergleichen aufgeschichtet. Die Errichtung solcher Mauern war ein fortlaufender Prozess von stetigem aufeinanderschichten und erweitern. Die Mauern dienten früher vor allem als Grenzmarkierung für Eigentums-, Bewirtschaftungs- oder Gemeindegrenzen. Ebenso wurden auf einigen Alpen sogenannte Nachtpferchen mit Steinmauern errichtet (bspw. auf der Alp Gritsch). Gleichzeitig wurde die Weide so vom Geröll «bereinigt» und damals wertvolle Weideflächen dazugewonnen.

Neben dem Effekt der Grenzmarkierung prägen die Trockenmauern das Liechtensteinische Alpengebiet und leisten einen wichtigen Beitrag zum Erscheinungsbild dieser von der Alpwirtschaft geprägten Landschaft. Die Trockensteinmauern werden unter anderem deshalb als schützenswert eingestuft und die Kunst des Trockenmauern ist nicht zuletzt auch Teil des immateriellen Weltkulturerbes.

Biodiversitätshotspot

Einen sehr positiven Effekt haben diese Mauern auch auf die Biodiversität. Sie bieten mit ihren vielseitigen Hohlräumen unterschiedlichste Habitate auf kleinem Raum. Heisse und kalte, trockene und feuchte, schattige und besonnte Plätze liegen eng aufeinander und bieten beinahe allen Tierarten eine Heimat. Reptilien und Amphibien finden im Spaltensystem einer Trockenmauer ideale Rückzugs-, Jagd- und Überwinterungsmöglichkeiten. Aber auch kleine Insekten oder Spinnen, Käfer und Würmer fühlen sich dort wohl. Wildbienen nutzen die Trockensteinmauern sogar als Kinderstube und bauen ihre Nester hinein. Viele der Tiere und Pflanzen haben sich auf das Leben in Trockenmauern spezialisiert. Nicht nur die Fauna, sondern auch Moose, Pilze, Flechten und auch Farne profitieren von den Mauern und besiedeln diese. Im angrenzenden Graubünden wurden auf zehn Mauern über 200 Flechtenarten gefunden. Als Lebensraum für all diese Tier- und Pflanzenarten leisten Trockensteinmauern folglich einen enorm grossen Beitrag zur Biodiversität in unserem Alpengebiet.


Abbildungen 2-4: Typische Bewohner von Trockensteinmauern: Eine grosse Vielfalt an Moosen und Flechten, die Kreuzotter, aber auch das Hermelin.


Freude am Bauen

Aufgrund all dieser positiven Aspekte hat sich die Alpgenossenschaft Guschg entschieden, die in die Jahre gekommenen und grösstenteils auseinandergefallenen Steinmauern wieder instand zu stellen. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir bei solchen Arbeiten auf unseren langjährigen Partner, die Gebr. Hilti AG Bauunternehmung, zählen können. Als einziges liechtensteinisches Mitglied des Schweizerischen Verbandes der Trockensteinmauer (SVTSM) konnten wir so auf die Unterstützung wahrer Fachmänner zählen. Bereits in der Vergangenheit haben «die Grünen» mit ihren Lernenden im Rahmen eines Lernendenlagers Arbeiten auf der Alp durchgeführt.

Im September 2025 fand erneut ein solches Lernendenlager statt. Das Ziel war die Instandstellung der Trockensteinmauer beim Stachler. In zwei regnerischen Tagen konnten die Lernenden rund 80 Meter Trockensteinmauer wiederherrichten. Intakte Mauerpartien wurden dabei bewusst stehen gelassen und bei den sanierten Bereichen wurden alte und neue Steine behutsam von Hand aufeinandergeschichtet und die Mauer so erweitert. Durch den gezielten Einbau von Nischen und Durchgängen wurden einzelne Tierarten besonders gefördert. Das Endergebnis kann sich unserer Meinung nach sehen lassen.


Abbildungen 5-7: Die Lernenden Max, Levin, Rodrigo, Janick, Oliver, Nico, Leandro, Florian, Dario und Marco dem Lernendenbetreuer während und nach der Arbeit sowie das Endergebnis (Fotos: Lernendenbetreuer Rouven Steiger)


Freude an der Alp Guschg

Mit der Instandstellung der Trockensteinmauer konnte ein wichtiger Beitrag zur Erhaltung und Förderung der Biodiversität erbracht werden. Ebenso erfüllt die Mauer nun wieder ihren Zweck als Grenzmarkierung. Die kommenden Jahre werden zeigen, welche Tier- und Pflanzenarten in der Mauer ein neues Zuhause finden werden. Wir werden das natürlich gespannt beobachten und erfreuen uns bis dahin an der neuen, schönen Mauer auf dem Guschger Gebiet.

Ein herzliches Vergellt’s Gott gilt den Lernenden, den Betreuern Marco und Rouven und den Verantwortlichen der Gebr. Hilti AG Bauunternehmung für ihre geleistete Arbeit und die stehts sehr angenehme Zusammenarbeit!